PORTRAIT FRANK NIMSGERN von Tom Beege, 2004
Frank Nimsgern, Musiker,
Filmmusikkomponist, erfolgreicher deutscher Musical-Autor und noch viel mehr,
liebt die Ambivalenz des Menschlichen. Den Grenzbereich, in dem es nicht nur
Schwarz und Weiß gibt. Vielleicht zieht es ihn in seinen Werken deshalb zu
mystischen Stoffen, Sagen und Legenden. Seine Bühnenwerke sind phantasievolle
und farbenprächtige Universen, die einer Welt zu entspringen scheinen, in der es
noch Träume und Visionen gibt, die das Vergessene und Verdrängte sichtbar,
hörbar und fühlbar machen.
Auch in seiner Musik geht es bunt zu. Mit einer gelungenen Fusion aus Klassik,
Pop, Rock, R&B und Jazz bietet sich dem Ohr ein unerschöpfliches Kaleidoskop an
Ausdrucksformen und Stimmungen. Dabei scheint der Platz zwischen den Stühlen für
ihn geschaffen zu sein, denn nicht umsonst gibt Frank Nimsgern seit einigen
Jahren im Berliner Friedrichsstadtpalast und am Saarländischen Staatstheater den
Ton an.
Sein Bühnenwerk „Elements“, das Nimsgern im Februar 1999 mit Intendant Sascha
Iljinskij und Regisseur Jürgen Nass im Berliner Friedrichsstadtpalast
vorstellte, lockte über 720 000 Besucher an und kann bis heute auf die stolze
Zahl von 459 Aufführungen bauen. Noch im Oktober desselben Jahres wurde die
faustische Parabel „Paradise Of Pain“ mit 57 ausverkauften Vorstellungen zum
erfolgreichsten Stück in der Geschichte des Saarländischen Staatstheaters.
Ähnliches gilt für die nachfolgenden Stücke „SnoWhite“ (Oktober 2000,
Saarbrücken – nach drei Wochen ausverkauft für die gesamte Spielzeit) und
„Arena“, das im Januar 2004 in der „Alten Feuerwache“, der zweiten Spielstätte
des Saarländischen Staatstheaters, Uraufführung hatte und innerhalb kürzester
Zeit für alle 55 Shows komplett ausgebucht war. Für „Elemtens“, „SnoWhite“ und „Paradise
Of Pain“ erhielt Nimsgern schon 2000, den ältesten deutschen TV-Preis, die
begehrte Goldene Europa“.
Doch dies sind „nur“ Erfolge, die sich in Zahlen ausdrücken lassen. Gewichtiger
sind für Nimsgern die ideellen Werte: „Ich habe festgestellt, dass viele
Besucher, die in meine Stücke kommen, noch nie in einem Theater oder einem
Musical waren. Man findet oft sehr junge Menschen, die durch „SnoWhite“ oder „Paradise“
einen Zugang zur Welt der Bühne finden. Das ist für mich ein großer Erfolg, dass
wir Menschen ins Theater bringen, die sich danach vielleicht auch mal eine Tosca
von Puccini ansehen.“
Eine der Ursachen für die große Attraktivität von Nimsgerns Stücken sind, neben
der für ein Musical eher untypischen Musik, die phantastischen Themenkreise, auf
die er zurückgreift. Da stellt „SnoWhite“ kurzerhand die Märchenwelt
Schneewittchens auf den Kopf, indem ein Jäger vor die ihn zerreißende Aufgabe
gestellt wird, die Welt der Märchen – und damit der Geschichten als solche – zu
retten. Da landet in „Paradise Of Pain“ der brave Buchhalter aus Versehen in der
Hölle und der Gangster im Himmel. Und in seinem kommenden Werk „Poe“, eine
Zusammenarbeit mit Heinz Rudolf Kunze, geht der Dichter in seinem Ringen um
Schaffenskraft und Ruhm einen Pakt mit dem Teufel ein. Woher aber der Hang zum
Phantastischen?
Nimsgern: „Diese Fabeln, diese archaischen Geschichten, leben aus ihrer
Fähigkeit, allgemeingültige Themen zu behandeln und dabei die Phantasie
anzuregen. Ich kann junge Menschen erreichen, ohne mich auf Pubertätsniveau
herabzulassen, und ebenso ein reiferes Publikum, das verschiedene Parameter
wieder entdeckt, die man mit dem Erwachsenwerden oft ablegt. Ich mag gern
Menschen unterhalten und ihnen dabei etwas auf den Weg mitgeben. Nicht mit dem
erhobenen Zeigefinger, aber doch so, dass man nachdenkt, wenn man aus dem Stück
kommt. Ich finde es auch wichtig, eine gesunde Alternative zur heutigen
Fernsehlandschaft und dem allgemeinen Boulevardismus zu schaffen. “
In der Tat, dass Frank Nimsgern ein Publikum zwischen 14 und 60 Jahren erreicht,
spricht für sich und eröffnet dem Musiktheater potenziell neue Wege. Nimsgern
liefert dem Publikum Identifikationsfiguren, die im wahrsten Sinne spielerisch
Grundprobleme des Menschseins erörtern - alters- und zeitlos. Einen guten Teil
trägt dazu die Musik bei, die das ‚Klassische’ mit dem Modernen verbindet, so
dass man im Orchestergraben neben Streichern auch mal eine Hardrock-Gitarre
findet und das Geschehen auf der Bühne von R&B-Grooves und Paukenschlägen
gleichermaßen begleitet wird.
„Meine Einflüsse stammen weniger aus dem zeitgenössischen Musical, sondern auf
der einen Seite aus der Filmmusik und der klassischen Oper wie Wagners Ring-Sage
und Richard Strauß, aber andererseits bin ich auch sehr von Jazz, Rock und Pop
wie The Who und Peter Gabriel geprägt,“ so Nimsgern. „Ich versuche, ein neues
Musikthater zu schaffen, das aus Oper, Schauspiel, schönen Choreographien, und
Filmmusik schöpft. Und was wichtig ist, ist moderne Ballettmusik, das heißt:
funky Music, auf der die Leute auch tanzen können. Ich möchte die Masse
ansprechen, damit auch Lieschen Müller ins Theater geht und etwas mit nach Hause
nimmt – nicht nur der Akademiker, der das Stück dann analytisch auseinander
nimmt.“
Um sein freilich hoch gestecktes Ziel zu erreichen, übernimmt Nimsgern so viel
wie möglich selbst, entwirft die Story, die er dann mit einem Texter ausabreitet,
komponiert natürlich die Musik, kümmert sich um das Artwork, skizziert das
Bühnenbild, schaut sich jedes Kostüm an und verfolgt persönlich jedes Detail mit
eigenen Augen. „Ich möchte ein Gesamtkunstwerk schaffen, das im Team entsteht.
Im Team zu arbeiten heißt, eine gemeinsame Sprache zu finden und eine
ästhetische Verabredung zu treffen. Die Zuschauer sollen spüren, dass Leute
zueinander gefunden haben und an der Sache eine gemeinsame Liebe gefunden haben.
Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn sich jemand in den Vordergrund spielt. Das
geht einfach gegen meine Idee des menschlichen Zusammenlebens.“
Die Architektur gelungener Bühnenstücke lernte Nimsgern von der Pike auf, wie
man so schön sagt. Er wurde 1969 als Sohn des berühmten Bariton Siegmund
Nimsgern geboren und wuchs somit in die Bühnenwelt hinein, saß als Steppke auf
dem Schoß von Karajan und Solti und erlebte das Zusammenwachsen eines
Bühnenwerks hautnah. Doch zunächst hielt sich das Interesse am Musiktheater in
Grenzen. Stattdessen begann er Comics zu zeichnen und zeigte früh einen starken
Hang, Geschichten zu entwickeln. Als er dann in einem New Yorker Plattenladen
ein The Who-Album in die Hand bekam, war erstmal Schluss mit Theaterwelt und
Klavierunterricht. Stattdessen kaufte Frank sich eine Gitarre und brachte sich
selbst das Spielen bei, rockte sich durch die Nachbarschaft und stieß fast
zwangsläufig zum Jazz. Miles Davis, Jim Hall und Pianist Bill Evans waren seine
ideellen Lehrmeister, faktisch nahm er Unterricht bei John Abercrombie und Mike
Stern in Berkeley und studierte Kompositionstechnik am Salzburger Mozarteum.
„Ich wollte alles lernen,“ sagt er rückblickend. „Es war für mich wie eine
Religion, ich war davon besessen mein Handwerk zu können.“ Ein Ehrgeiz, der ihn
auch heute noch auszeichnet.
Ende der Achtziger ruft er die Frank Nimsgern Group ins Leben, die er auch heute
noch pflegt, denn „ich brauche den Kontakt zum Publikum,“ wie er erklärt.
Diverse Tourneen im Zusammenhang mit dem Goethe-Institut führen ihn zwischen
1991 und 2001 im Bandformat durch Afrika, Asien und Osteuropa; schon 1993 erhält
er in Djakarta den Award als Best Performing Live-Act. Er arbeitet mit Gino
Vanelli, Chaka Khan, The Supremes, Klaus Doldinger und vielen anderen Größen der
Pop- und Jazz-Szene zusammen, selbst Siegfried und Roy greifen für ihre großen
Shows in Las Vegas auf Nimsgern-Kompositionen zurück. In den Neunzigern ist
Nimsgern verstärkt als Werbefilmkomponist, Komponist und Arrangeur (u.a. für das
„Classic Open Air“ 1994) tätig, ab 2000 entdeckt er zusätzlich seine Liebe zur
Filmmusik (u.a. mehrere Tatort-Folgen).
1997 kehrt Nimsgern mit reichlich Musikerfahrung in vielen Bereichen zur Bühne
zurück: Seine erste große Komposition für den Berliner Friedrichsstadtpalast,
das in Zusammenarbeit mit S. Iljinskij aufgeführte „Hänsel und Gretel“, findet
bei der Kritik überschwängliches Lob und öffnet ihm die Wege, seine Vision vom
genreübergreifenden Bühnengeschehen zu verwirklichen.
Frank Nimsgern ist besessen von Musik und dem Drang, Neues zu schaffen. Als
Bühnenautor, der auf dem Sprung zum internationalen Erfolg steht, kann er beides
miteinander verbinden: „Man muss über Grenzen gehen, um Außergewöhnliches zu
gestalten,“ fasst Nimsgern zusammen. „Man muss weg vom Mittelmaß. Etwas wagen,
was es bisher noch nicht gab. Das ist mein Lebenselixir. Das und Musik. Ein
Leben ohne Musik wäre für mich ein Dasein als Erdwurm. Man hat nur ein Leben,
and you better do it right!“
Allein im Jahr 2004 hat Workaholic Nimsgern drei Premieren zu meistern:
Am 16. Januar feierte „Arena“ rauschende Premiere am Staatstheater Saarbrücken,
am 5. September startet „Hexen“, der Nachfolger von „Elements“, im Berliner
Friedrichssstadtpalast, und für den 30. Oktober ist in Saarbrücken die
Uraufführung der Kunze/Nimsgern-Kollaboration „Poe“ angesetzt.
© tbe 5/04